Am 11. Juni 1982 hielt der damalige Bürgermeister von Velbert Schemken eine Ansprache anlässlich der Namensgebung des NEG. Er begann seine Rede mit folgenden Worten:

Wenn sich Ihre Schule den Namen "Nikolaus Ehlen" gibt, dann ist hiermit ein langwieriger Meinungsbildungsprozeß verbunden. Dies liegt in der Natur der Sache. Mit dem Namen findet nicht nur die Beschreibung Ihrer Einrichtung statt, sondern der Name gibt ihr Inhalt, Verpflichtung und Ziel. So wird mit der Namensgebung einer bedeutenden Bildungseinrichtung unserer Stadt in "Nikolaus-Ehlen-Gymnasium" nicht nur eine Diskussion beendet, sondern es beginnt eigentlich erst der Dialog, der sich orientiert am Leben und Werk dieses Nikolaus Ehlen, des Ehrenbürgers der Stadt Velbert. Ich möchte Sie zuerst einmal, auch im Namen von Herrn Stadtdirektor Steinhauer, zu dieser Entscheidung beglückwünschen, die der Rat und die Verwaltung auch im Sinne der Bürgerschaft gerne nachvollzogen haben. Sie haben damit einen unmittelbaren Bezug zum Lebenswerk dieses großen Mannes unserer Stadt herbeigeführt.

Würde Nikolaus Ehlen dazu Stellung nehmen dürfen, fiele sie sicherlich so aus, wie er in einem persönlichen Brief anläßlich der Ernennung zum Ehrenbürger an den damaligen Bürgermeister Lückenhaus vom 29.2.1952 schrieb: Ich zitiere: "Es ist mir zu Ohren gekommen, man verhandele darüber, mir das Ehrenbürgerrecht der Stadt Velbert zu verleihen." Er schreibt weiter: "Meine Person würde gegenüber der Sache zu sehr hervorgehoben. Es wäre anders, wenn man die Sache von der Person trennen könnte. Ich habe keine besonderen Fähigkeiten, das einzige, was ich zu bieten habe, ist ein warmes Herz und etwas Mut."

Im Jahr 1928 erklärt Nikolaus Ehlen in einem Aufsatz in der Zeitschrift "Das Heilige Feuer" über "Jugendbewegung und Pazifismus" seine Einstellung zum Kriegsdienst:

[...] Ich leugne nicht, daß es Feiglinge gibt unter denen, welche den Krieg nicht mitmachen wollen. Man erkennt sie daran, ob sie in ihrem persönlichen Leben im Reden und Handeln Gewalt anwenden, indem sie voll leidenschaftlicher Häßlichkeit den Schwächeren noch schwächer machen, oder ob sie ihm wahrhaft helfen. Diese Feiglinge, deren es noch sehr viele gibt, bringen die Friedensbewegung in Verruf, wie die Mörder und die Diebe, die Trinker und die Maulhelden den Soldatenberuf in Verruf gebracht haben. WIR FREUNDE DES FRIEDENS LIEBEN DEN SOLDATEN, wenn er kein Mitläufer ist, wenn er nicht der Gewalt gehorcht, sondern seinem Gewissen. Dem Tode ins Auge schauen können mit der Ruhe des Heiligen und reinen Herzens sein, das muß der Soldat können. Nicht sich zur Maschine herabwürdigen lassen. Für die Rettung seines eigenen Menschseins sein Leben einsetzen und opfern und sich darauf vorbereiten in jedem Schritt und Tritt, das ist das, was den Soldaten groß macht. Wir lieben den einfachen Soldaten, aus dessen ganzer Haltung der Ernst seines Berufes zu uns spricht, nicht aber den Protzer und Großsprecher.

[...] Der Soldat ist im vergangenen Jahrhundert zur Maschine degradiert worden. [...] Das ganze Volk wurde mechanisiert durch das, was in der ALLGEMEINEN WEHRPFLICHT, im Waffenzwang seinen sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Der WAFFENZWANG war nicht nur eine SÜNDE gegen das Wesen des Menschen, es war eine schwere Sünde am ganzen deutschen Wesen. In der allgemeinen Wehrpflicht ging der Staat über den Bereich seiner Macht hinaus und griff in das Leben des Einzelnen tiefer ein, als er zu tun das Recht hat. [...]

In einem Informationsschreiben des Vereins Internationaler Zivildienst e.V. im Dezember 1965 wird Ehlens Stellungnahme zum Zivildienst zitiert:

Das Wort Kriegsdienstverweigerung ist ein schlechtes Wort, und wem es nur um die Verweigerung geht und nicht um die Verwirklichung eines positiven Wertes, der befindet sich in einer schlechten Lage. Die Kriegsdienstverweigerung darf eigentlich nur die notwendige Ergänzung eines positiven Wollens sein. Der Internationale Zivildienst in seinen verschiedensten Formen, verbunden mit dem Willen, die Ehrfurcht der Völker voreinander zu stärken und so die Kriegsgefahr herabmindern, ist Verwirklichung eines solchen positiven Wertes, die den Krieg nicht verträgt, weil sie Aufbau bedeutet und nicht Zerstörung. Je mehr Menschen sich diesen Bewegungen anschließen, desto mehr wird auch das Ziel derer erreicht, die durch den Krieg Ordnung schaffen wollen. Sie werden so den Krieg auch in den Augen des Soldaten unnötig machen.

Nikolaus Ehlen wurde am 1. September 1933 festgenommen. In einem Brief an seinen Freund Ludwig Stummel, dem Leiter des Funkwesens der deutschen Kriegsmarine, schildert Ehlen seine Festnahme so:

[...] Denken tut man ja schon seit langem nicht mehr und zum unterscheidenden Denken sind ja die Menschen erst recht zu dumm. Mein Brief wird Dir gesagt haben, daß ich die Sache gar nicht tragisch genommen habe! Ganz im Gegenteil! Ich bedaure, daß ich so schnell losgelassen wurde; denn der Herr Landgerichtsrat Bork, der Kommissar des preußischen Innenministers, sollte doch erfahren, daß man einen anständigen Deutschen und Christenmenschen nicht als Vaterlandsverräter behandeln darf. Er hat allerlei hören müssen. Er kam selbst aus M. Gladbach abends gegen 8 -8 1/2 Uhr und verhaftetet mich! Man warf mein ganzes Zimmer durcheinander und verschloß es. Ich wurde gefragt: Stehen Sie mit Faulhaber in Verbindung? Mit welchen Bischöfen stehen Sie in Verbindung? Pater Strathmann u.s.w. Ich sollte Briefe herausgeben, die ich einfach nicht hatte, und so wurde ich innerhalb 5 Minuten festgenommen! Wer mir die Sache einbgebrockt hat, weiß ich nicht; manche meinen, es sei aus Velbert gekommen, weil man es nicht fertiggebracht hat, mich von Velbert zu entfernen!

In einem Brief vom 6. September 1933 an den Landgerichtsrat legt Ehlen seine Haltung und auch seine bisherigen Leistungen für das Gemeinwohl dar und schließt mit den Worten:

Im Grunde müßte ich Ihnen also sehr dankbar sein, insbesondere auch für die wirklich hochinteressanten Tage, die ich im Gefängnis verlebt habe. Aber die Erlebnisse kamen nicht von Ihnen, sondern von der Kraft, die ich von Gott und meinen Ahnen in mir trage.

Nun beginnt morgen die Schule. Wie habe ich mich auf sie gefreut. Glauben Sie wirklich, daß es angesichts alles dessen zu verantworten ist, daß ich hier zwischen den vier Wänden sitze? Hat Deutschland solche Kräfte zu viel? Ich bitte Sie dringend um des deutschen Volkes willen, mich freizulassen.

Hitler sagt, daß noch manche außerhalb der Partei stehen, deren Mitarbeit er gebraucht, auf die er nicht verzichten will. Ich weiß, daß ich zu ihnen gehöre.

Heil Hitler!

gez. Dr. Nikolaus Ehlen

Mit folgender Erklärung wurde Ehlen am 8. September 1933 aus der Haft entlassen:

Es erscheint Dr. Ehlen und erklärt:

Zur Person: Ich heisse mit Vornamen Nikolaus Ehlen, geboren am 9. Dezember 1886 in Graach und Studienrat in Velbert. Ich habe mit dem untersuchungsführenden Landgerichtsrat Bork den Sachverhalt besprochen, insbesondere auch meine Ziele dargetan, die ich mit meinen Lotsenrufen 1 ein, die von mir allein herausgegeben werden, verfolge.

Ich erkläre mich freiwillig bereit, meine Lotsenrufe nicht mehr im Sinne der Friedensbewegung zu redigieren und darin jeden Aufsatz, der die Friedensidee zum Gegenstand hat, zu unterlassen. Darunter sind natürlich nicht zu verstehen rein religiöse Gedankengänge. Ich sehe ein, daß eine Friedenspropaganda, die künftige Kriege bekämpfen soll, leicht zu Missverständnissen führen kann und auch dazu, daß eine [ nicht lesbar] nicht im Sinne der Regierung liegen kann, dadurch erzeugt [wird].

Ich werde auch, da ich Vorsitzende der Deutschen Abteilung des Versöhnungsbundes bin, dafür sorgen, daß dieser Versöhnungsbund sich auflöst und zwar sofort.

v.g.u.

gez. Dr. Nikolaus Ehlen

Anmerkung:

1 Lotsenrufe war der Name der Zeitschrift, die Ehlen seit 1917 herausgegeben hat. 1939 wurde sie von den Nationalsozialisten verboten. Von 1948 bis zu seinem Tod erschien die Zeitschrift jedoch wieder.

Am 9. März 1936 erteilt der Oberpräsident der Rheinprovinz Dr. Jungbluth Nikolaus Ehlen folgende schriftliche Verwarnung:

Für die Beurteilung der Beschwerden, zu denen Ihr Artikel "Juden in Palästina" (Lotsenrufe, 20. Jhrg. Heft 11, August 1935) Anlaß gegeben hat, ist in erster Linie der Eindruck entscheidend, den die Ausführungen auf einen unbefangenen Leser hervorrufen müssen. Aus der Form der Darstellung und ohne Berücksichtigung des folgenden Aufsatzes wird eine völkische Einstellung nicht deutlich; daher konnte der Verdacht aufkommen, daß Sie die nationalsozialistische Rassenpolitik verneinen.

Im Auftrag des Herrn Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (Erlaß E III d 440 vom 2.3. 36) spreche ich Ihnen wegen Ihrer Unbesonnenheit und unklaren Stellungnahme eine scharfe Verwarnung aus. Ich erwarte, daß Sie künftig bei Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit größere Vorsicht üben und sich klar und entschieden zu den Grundsätzen des völkischen Staates bekennen.

Im Auftrag

gez. Dr. Jungbluth

Nikolaus-Ehlen hat in seiner Schrift "Das familiengerechte Heim" seine Vorstellungen von dem, was eine Familie braucht, um "gesund" zu leben, klar definiert. Im Rahmen eines Workshops, der 1953 unter der Leitung Ehlens stattfand, wurden diese Vorstellungen folgendermaßen zusammengefasst:

[...] Wir stellten fest, daß gesunden Familien Existenz- und Lebensraum benötigen. Dieser ist mit dem Begriff "das familiengerechte Heim" am besten umrissen. Nur in familiengerechten Heimen - die nicht mit dem Begriff "familiengerechte Wohnungen" zu verwechseln sind - kann eine gesunde und frohe Kinderschar sich entwickeln. Das beste familiengerechte Heim ist das Einfamilienhaus, möglichst als Einzelhaus, mit großem Garten. [...] Zu einem familiengerechten Heim gehört nur eine Familie. Sehr wichtig ist, daß die Familie das Eigentum an diesem Haus erwirbt, denn Eigentum macht frei gegenüber dem Individuum und dem Staat. Das Heim muß mindestens umfassen: eine Küche von 12 qm, einen Wohnraum von mindestens 20 qm, das Elternschlafzimmer von 17-18 qm, sowie 2 Kinderschlafzimmer mit je 14 qm Grundfläche. Das Familienheim muß ganz unterkellert sein (eine Waschküche mit Badeeinrichtung, ein Bastelraum, und ein Vorratskeller). Ferner gehört dazu ein Klo mit guter Abwasserverwertung, ein Abstellraum, Heuboden und vor allem auch ein günstiger tierhygienischer Kleintierstall.

[Der Familiengarten von etwa 1800-2000 qm] erlaubt die Haltung eines Milchschafes, das jährlich 500 l Milch, 2 1/2 kg Wolle für einen Anzug, 2 Junglämmer und vorzüglichen Dünger liefert. Durch die Schafhaltung und die Fäkalverwertung sowie Kompostierung aller Abfälle wird auch unfruchtbarer Boden bald sehr gartenwürdig. Neusiedlungen brauchen daher nicht unbedingt auf gutem Boden angelegt zu werden. Schlechter Boden hat den Vorteil, daß er preisgünstig ist. [...]

Im Garten muss die Gemüsefläche (für eine sechsköpfige Familie etwa 300 qm) von der Obstfläche getrennt sein. Die Obstbäume sowie die Beerensträucher sollten an den Aussenrand des Siedlergartens angepflanzt werden. [...] Der Vorgarten soll so gestaltet werden, daß er dazu beiträgt, das Strassenbild einheitlich zu verschönern. [...]

Einen Einblick in die damalige Zeit und damit für die Bedeutung, die Ehlens Idee hatte, bietet die Schilderung "Vom Werden einer Dorfsiedlung" von Alyos Diefenbach:

An den Anfang der nachfolgenden Betrachtung ist unbedingt das Werden der Siedlungen vor uns zu erklären.

Das Jahr 1931 sieht eine wirtschaftliche Krise größten Ausmaßes. [...] Über 20 Parteien buhlen in Deutschland um die Gunst der Wählerstimmen. Mutlosigkeit erfaßt die Massen. (Bis 1933 stieg die Zahl der Erwerbslosen auf über 7 Millionen an.) [...]

Auch in Velbert waren Tausende arbeitslos. Fast das gesamte Bauhandwerk lag brach. In dieser Situation trat ein Mann an die Öffentlichkeit, der den Kinderreichen dadurch bekannt war, daß er sich um diese sorgte. Selbst kinderreich, schaffte er unermüdlich an der Besorgung von Wohnungen für diesen Personenkreis. Viele der Arbeitslosen haderten an ihrem Schicksal und suchten nach Auswegen aus dem erzwungenen Nichtstun. Was Wunder, daß sich viele an Herrn Dr. Ehlen wandten und mit ihm berieten, wie man das Schicksal zwingen könne. [...]

Wie man auch überlegte, die 1.500,-- RM [Reichsmark], die das Reich zur Verfügung stellte, reichten vorne und hinten nicht aus. Aus dieser Notlage heraus wurde die tätige Eigenleistung geboren. [...] 1934 war so das Geburtsjahr unserer Siedlung Langenhorst. [...]

In den folgenden Absätzen beschreibt Diefenbach Einzelheiten, die die Erschließung des Geländes erschwerten.

Daß unser Dorf trotzdem wurde, ist der guten Kameradschaft zu danken, die alle Siedler verband. Alle waren erwerbslos[...], alle hatten als Einkommen nur die Arbeitslosenunterstützung. [...] Die Selbsthilfe ließ sehr bald alle "Müden" ausscheiden und so verblieb ein Stamm wirklich opferbereiter Menschen. Die Zeit der gemeinsamen Arbeit am Bau ließ eine Gemeinschaft werden, an deren Kameradschaft sich heute alle Altsiedler gerne erinnern. [...]

Der Ehrenbürgerbrief, der Nikolaus Ehlen in einem feierlichen Akt am 28.3.1952 überreicht wurde, hatte folgenden Wortlaut:


Ihrem

seit dem Jahre 1919 hier ansässigen Mitbürger

Herrn

Dr. Nikolaus Ehlen,

der auf dem Gebiete des Siedlungswesens für die Stadt und darüber hinaus für das ganze Bundesgebiet wertvolle Dienste geleistet und die Arbeit für die deutsche Familie zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, verleiht die Stadt Velbert, in dankbarer Würdigung seiner hervorragenden Leistung das

E h r e n b ü r g e r r e c h t.